Die christliche Blogosphäre: Wie Mose in der Wüste ... - blog.theoradar
Blogosphäre

Die christliche Blogosphäre: Wie Mose in der Wüste …

Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
(Exodus 14, 12-14)

Ich bin dem Team von Theoradar dankbar. Der Zugang zur Blogosphäre ist ohnehin schon schwer. Interessante christliche Blogs zu finden ist aus der Kalten heraus fast unmöglich. Und sind wir mal ehrlich: Wer diesen Beitrag hier liest, weiß darum, dass die meisten seiner Reallife-Kontakte von den Möglichkeiten des Bloggens kaum etwas wissen.

Blogs gibt es in Deutschland bei optimistischer Zählung seit gut zwanzig Jahren, seit gut zehn Jahren ist das Web 2.0 auch in den Kirchen ein heißes Thema. Doch die meisten Christen versorgen sich außerhalb der bunten christlichen Blogosphäre mit Nachrichten und Meinungen. Konfessionelle Angebote wie katholisch.de oder evangelisch.de versuchen, eine Plattform für Debatten rund um „Kirchenthemen“ zu bieten.

Dann gibt es noch idea-Spektrum, mit ihrem ganz eigenen Publikum. Und natürlich eine lebendige Blogozese vor allem auf katholischer Seite, die vom Establishment kritisch beäugt wird. Beiden Sphären wird von Beobachtern der Szene Nähe zu rechtspopulistischem Gedankengut vorgeworfen.

Und auf evangelischer Seite? Da gibt es Blogs von Pfarrerinnen und Lehrern, die vor allem Erzeugnisse ihrer Arbeit – Predigten, pädagogische Entwürfe, Reflexionen – posten, die vor Augen führen, welche Breite und Ausdifferenzierung das evangelische Kirchenleben ausmacht. Und dann sind da private Blogs von Christen, die ihre persönlichen Einsichten und Glaubensüberzeugungen mit zum Teil erheblichem missionarischem Eifer mitteilen.

Alles in allem bietet sich dem Betrachter ein höchst disparates Bild. Daran kann man die Vielfalt christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft ablesen. Da ist alles zu finden: Der evangelikale Kulturkämpfer, die feministische Aktivistin, die Kirchenerneuerer, die Poetin, die Studierenden, die Feuilletonisten, die fromme Freundin, der unterhaltsame Katho und der kritische Exeget. Wunderbar.

Da irgendwie den Überblick zu behalten, fällt ja schon Kennern der christlichen Blogosphäre schwer. Wie geht es da erst Neueinsteigern, die vielleicht an einer Ecke einen Einstieg wagen und denen sich durch Links, Blogrolls und Soziale Medien das weite Feld des christlichen Web 2.0 erschließt?

Da kann eine Blog-Hitliste wie der Theoradar nur hilfreich sein. Hier kann man sehen, was aktuell in den christlichen Blogs publiziert und diskutiert wird. Und man kann ablesen, welche Themen eine gewisse „Nachhaltigkeit“ haben, also wahrscheinlich wichtiger sind als irgendeine Eintagsfliege. Diese Themen tauchen dann in den Monatscharts auf. Außerdem kann man, wenn gewünscht, Schritt halten mit den neuesten Entwicklungen, indem man den Aufsteigern in der Zuschauergunst folgt.

Resonanz heißt nicht Qualität

Und doch ist eine Rangliste, die sich aus der Resonanz der Beiträge in den Sozialen Medien ergibt, auch problematisch. So klärt die Chartposition augenscheinlich weder über die Qualität des Geschriebenen, noch über dessen Relevanz auf.

Der Kulturpessimist in mir ist ob der Qualität einiger Chartstürmer regelrecht entsetzt. Und dabei geht es mir erst mal nicht um die Haltung oder Meinung, die in den Beiträgen vertreten wird, sondern allein um die Wertigkeit der Beiträge. Ich lehne mich hier weit aus dem Fenster: Erstens, weil ich selbst blogge und mich an den von mir postulierten Maßstäben selbst messen lassen muss. Zweitens, weil es kein guter Stil ist, anderen schlechten Stil vorzuwerfen. Trotzdem:

Warum geben „wir“ Listenartikeln, kurzen Meinungsstücken und Wutreden („Rants“) unter „uns“ derart viel Raum? Sollten Christen nicht viel eher der Differenzierung, der Sensibilität und der Empathie das Wort reden? Sollten „wir“ diese Anliegen nicht auch durch „unsere“ Likes, Shares und Retweets fördern?

Wer im Glashaus sitzt?! Ich bin sicherlich nicht alleine mit meiner Beobachtung, dass auch unter Christen diejenigen Beiträge „ziehen“, die pointiert aufgeschrieben sind, die sich stark erregen und die konsumentenfreundlich kurz und übersichtlich gefasst sind. Darum ist auch nichts Verwerfliches daran, sich um eine klare und deutliche „Blogsprache“ zu bemühen und seinen Gefühlen freien Lauf zu geben, das unterscheidet persönlich geprägte Blogs ja von professionell betriebenen Plattformen.

Wo bleibt die christliche Kommentarkultur?

Ärgerlich wird es dann, wenn erkennbar nur der Likes wegen geschrieben wird, wenn dem Geschmack der eigenen Fanbase auf anbiedernde Art entsprochen und niederen Instinkten auf unverhohlene Weise Nahrung gegeben wird. Und das ist leider in der christlichen Blogosphäre genauso üblich wie überall sonst.

Deshalb muss, wer einen kritischen Blick auf die christliche Blogosphäre wirft, auch über die Kommentarkultur sprechen. Ich bin sicher nicht der einzige Blogger, der Kommentare schon geschlossen oder gar generell abgeschafft hat, weil ihm das Ganze über den Kopf gewachsen ist. Bei mir handelte es sich u.a. um einige Artikel, die sich mit der Haltung evangelikaler Christen zur Homosexualität befassten. Ich habe die Kommentarspalten immer offen gehalten, es mir jedoch gegönnt, die geschmacklosesten und gemeingefährlichsten Kommentare nicht zu veröffentlichen und – viel wichtiger – nach oberflächlicher Lektüre zu löschen. Sie sind mir trotzdem zu Herzen gegangen.

Ich verhehle es nicht: Zu Zeiten gilt für mein Bloggerdasein auf theologiestudierende.de und auf meinem Blog das alte Sprichwort „Viel Feind, viel Ehr!“. Wer kokelt, braucht sich über Flammen nicht zu beschweren und der kann sich auch mal verbrennen. Aber die Schärfe und Menschenverachtung einiger Kommentatoren, die sich doch als patentierte Christen verstehen, ist nicht einfach nur entlarvend, sondern verletzend. Ich bin sicher nicht der Einzige, der über Kommentaren unter eigenen Artikeln nur schwer zur Ruhe oder in den Schlaf finden konnte. Wollen wir uns tatsächlich gegenseitig verletzen? Schulden wir uns als freie Bürger und als Christenmenschen nicht einen anderen, respektvolleren Umgang?

Passiv und still? Keine Alternative!

Ich bin dem Theoradar dankbar, dass es die Breite der christlichen Blogosphäre sichtbar(er) macht. Es ist eine wahre Freude und hält für mich viele Neuentdeckungen bereit. Doch spült die Sichtbarmachung für mich auch Fragen und Probleme an, deren Klärung und Besserung ich „uns“ zumuten möchte und auch zutraue.

Und jetzt endlich will ich den vorangestellten Bibeltext aufnehmen: Das Volk findet sich auf dem Weg in die Freiheit nur mühsam zurecht. Es beschwert sich: Haben wir es Dir nicht gesagt? Es wäre doch besser gewesen, passiv und stumm zu bleiben. Die neue Freiheit schafft doch nur Probleme!

Die Partizipationsmöglichkeiten des Web 2.0 bleiben eine riesige Herausforderung nicht nur für die Institution Kirche, sondern für jeden Christen, der sich im Netz bewegt. Sich rauszuhalten ist für mich – wie für viele von „uns“ christlichen Bloggern – keine Alternative mehr, auch wenn deutliche Anfragen an den Status Quo der christlichen Blogosphäre bestehen. Wir müssen uns fragen, ob wir durch Binnendiskussionen und Stilverfehlungen Neulinge und Interessierte abschrecken, die genauso wie wir die Freiheit des virtuellen Gesprächs suchen.

Mose erwidert dem Volk, fest zu stehen und abzuwarten, was der HERR für sie tun wird. Das kann auch für die christliche Blogosphäre gelten: Wir sollten unsere je eigenen Überzeugungen mit Verve und Geschick und nachdenklicher Überzeugung vertreten, zu Zeiten auch gegeneinander. Doch sollten wir der Geduld und der Gnade Gottes auch Raum geben, und sei es dadurch, keine endgültigen Schlüsse zu ziehen und den Glauben des je anderen gelten zu lassen.

So wie das Volk Israel die Ägypter bisher sah, als Herren und Herrscher, soll es sie an diesem Tage nicht mehr sehen. Die Verhältnisse kehren sich um zwischen Bescheidwissern und Suchenden, Laien und Profis, Kämpfern und Klagenden. Und so sollten wir uns gegenseitig Wandlungen und Bekehrungen gönnen. Ja, jederzeit darauf gefasst sein, dass sich uns das Gegenüber auch im digitalen Dialog jeden Tag ganz anders zeigen kann.

Wir sollten mitdenken, fühlen und schreiben, als ob es um alles geht, und im rechten Moment Freiheit von uns selbst gewinnen und uns vorhalten, was Mose dem Volk zusagt, das auf dem Weg zu seiner Befreiung ist: Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für den wichtigen Beitrag!

    Und doch ist eine Rangliste, die sich aus der Resonanz der Beiträge in den Sozialen Medien ergibt, auch problematisch. So klärt die Chartposition augenscheinlich weder über die Qualität des Geschriebenen, noch über dessen Relevanz auf.

    -> Genau aus diesem Grund gibt es ja diesen Meta-Blog. Ich finde es auch mitunter traurig, welche Themen bzw. Beiträge sich da so nach oben kämpfen …

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